Leben retten, mit Chlorkalk und Statistik

Ignaz Semmelweis erkannte, dass man das gefährliche Kindbettfieber durch verbesserte Hygiene bekämpfen kann. Er argumentierte nicht mit wagemutigen Theorien, sondern mit schlichter sauberer Statistik.

Ignaz Semmelweis
Ignaz Semmelweis
Quelle: [1]

Ein Arzt, der seinen Patienten das Leben rettet, ist ein guter Arzt. Ein Arzt, der grundlegend ändert, wie über Medizin und Krankheit nachgedacht wird, ist ein echter Held. Ignaz Semmelweis war einer von diesen ganz besonderen Ärzten. In seiner Geburtenstation im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien fielen damals, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, jedes Jahr hunderte Frauen dem gefürchteten Kindbettfieber zum Opfer. Semmelweis gelang es nicht nur, diese Krankheit zurückzudrängen, er konnte vor allem die Wirksamkeit seiner Methoden statistisch nachweisen. Für die Medizin ist diese Vorgehensweise bis heute äußerst wichtig: Nur durch sorgfältige Untersuchungen an möglichst vielen Menschen kann man Vermutungen von Tatsachen und Aberglauben von echter Medizin unterscheiden. Semmelweis gilt heute als einer der Väter der evidenzbasierten Medizin.

Krankenhäuser, in denen man krank wird

Als die meisten Kinder noch zu Hause geboren wurden, war das Kindbettfieber nicht besonders verbreitet. Doch als man im neunzehnten Jahrhundert in großen Städten Europas Krankenhäuser errichtete, in denen viele Frauen gleichzeitig ihre Kinder zur Welt brachten, wurde diese Krankheit zum ernsten Problem. Heute weiß man, dass Kindbettfieber von Bakterien verursacht wird, die nach der Geburt zu Infektionen führen können. Mit Antibiotika ist das mittlerweile leicht in Griff zu bekommen – doch damals hatte man keine Ahnung, wodurch die bedrohlichen Fieberschübe ausgelöst werden können.

Die gute und die schlechte Geburtenabteilung

Das alte Wiener AKH
Das alte Allgemeine Krankenhaus in Wien (1784)
Quelle: [2]

Semmelweis kam 1846 als junger Assistenzarzt an die Geburtenstation des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Damals wie heute wurden dort nicht nur Patienten versorgt, sondern auch medizinisches Personal ausgebildet. Es gab zwei Geburtenabteilungen: In der einen arbeiteten Ärzte mit Medizinstudenten, in der anderen wurden junge Hebammen geschult. Erstaunlicherweise war das Kindbettfieber in der Abteilung der Medizinstudenten deutlich höher als in der Hebammen-Abteilung. Diese seltsame Beobachtung sprach sich herum: Mütter bettelten bei der Aufnahme, in die Hebammen-Abteilung aufgenommen zu werden – doch niemand konnte einen medizinischen Grund für den Unterschied zwischen den beiden Abteilungen nennen, und so sahen viele Ärzte keinen echten Handlungsbedarf. Ein Kind zu gebären war damals ein äußerst gefährliches Unterfangen: Die Sterblichkeitsrate in der Geburtenabteilung, in der Semmelweis arbeitete, lag um die zehn Prozent – in Spitzenzeiten sogar bei mehr als einem Viertel.

Vom Leichensezieren zur Entbindung

Der Grund dafür ist aus heutiger Sicht leicht verständlich: Zum Alltag der Medizinstudenten gehörte es, Leichen zu sezieren – auch Leichen von eben an Kindbettfieber verstorbenen Müttern. Von Hygiene verstand man damals noch sehr wenig, und so untersuchten sie danach die Frauen der Geburtenabteilung, oft ohne sich auch nur die Hände zu waschen. Dadurch verschleppten sie gefährliche Bakterien von einer Frau zur nächsten. Die Hebammenschülerinnen hingegen kamen nicht mit Leichen in Kontakt, in deren Abteilung war die Gefahr daher viel geringer.

Semmelweis konnte damals über die mikrobiologischen Hintergründe der Ansteckung noch nicht Bescheid wissen, erst durch die Forschungen von Louis Pasteur und Robert Koch zeigte sich dann Jahre später die Bedeutung von Mikroorganismen für viele Krankheiten. Trotzdem zog Semmelweis bereits im Jahr 1847 die richtigen Schlüsse aus den Beobachtungen und gab seinen Studenten daher die Anweisung, ihre Hände nach dem Sezieren von Leichen mit Chlorkalk zu desinfizieren. Das Resultat war beeindruckend: Die Sterberate in der Geburtenabteilung sank dramatisch, 1848 lag sie nur noch bei 1.3 Prozent, und somit praktisch gleichauf mit der zweiten Abteilung, an der die Hebammenschülerinnen beschäftigt waren.

Nicht nur reden – statistisch nachweisen!

Ignaz Semmelweis hatte eine wirklich gute Idee gehabt – aber das ist wohl gar nicht der entscheidende Teil seiner Leistung. Er gilt als Mitbegründer der modernen, evidenzbasierten Medizin, weil er die Auswirkungen der verschiedenen medizinischen Herangehensweisen sauber statistisch untersuchte. Nur durch diese Aufzeichnungen wurde zunächst ganz zweifelsfrei klar, wie groß der Sterblichkeitsunterschied zwischen den beiden Geburtenabteilungen war. Dadurch war es naheliegend, genau an den Punkten anzusetzen, an denen sich die beiden Abteilungen unterschieden – eben bei dem Kontakt des Personals mit infizierten Leichen. Und nach der Behebung des Problems durch verbesserte Hygiene konnte Semmelweis in seinen Berechnungen ganz klar nachweisen, dass seine Maßnahmen einen statistisch höchst signifikanten Erfolg brachten.

Sterblichkeitsrate in der Geburtenstation von Semmelweis
Monatliche Sterblichkeitsrate an der Geburtenstation von Ignaz Semmelweis 1841 bis 1849. Ab Mai 1847 schrieb Semmelweis das Desinfizieren der Hände vor - der Effekt ist deutlich sichtbar.
Quelle: [3]
Sterblichkeitsrate an den beiden Geburtenstationen des AKH
Vergleich der jährlichen Sterblichkeitsraten an den beiden Geburtenstationen des AKH Wien: Ab 1840 arbeiteten an der ersten Abteilung (rote Linie) nur Hebammen. Die andere Abteilung (blaue Linie) weist danach eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate auf. Die Desinfektions-Vorschriften von Semmelweis senken ab Mai 1847 das Sterblichkeitsniveau seiner Abteilung wieder auf das der Hebammen-Abteilung ab.
Quelle: [4]

Desinfektion? Ein echter Arzt ist doch nicht schmutzig!

Man könnte meinen, dass ihm diese sauberen wissenschaftlichen Methoden sofort Ansehen und Zustimmung beschert haben müssten – doch so war das nicht. Die Vorstellung, dass ihre Hände schmutzig sind und desinfiziert werden müssen, erschien manchen Kollegen direkt beleidigend. Auch der Gedanke, durch die Verbreitung von Krankheitserregern selbst Schuld am den Tod vieler Patientinnen zu sein, war wohl für viele Ärzte schwer zu akzeptieren. Leider war Semmelweis auch nicht unbedingt ein begnadeter Diplomat – er brachte seine Argumente recht scharf und anklagend vor. Zu großem wissenschaftlichem Ruhm hat er es daher sein Leben lang nicht gebracht, auch wenn er heute zu den großen Persönlichkeiten der Medizingeschichte zählt.

Von Semmelweis und seinen sorgfältigen statistischen Untersuchungen kann man einiges lernen: Auch wenn man keine Ahnung hat, warum eine Maßnahme wirkt, kann man ihre Wirksamkeit trotzdem wissenschaftlich überprüfen. Semmelweis musste nicht wissen, welche Bakterien übertragen werden, oder was Bakterien überhaupt sind. Entscheidend war, dass die Desinfektion der Hände mit Chlorkalk einen eindeutig messbaren Vorteil brachte. Welcher Effekt dafür verantwortlich ist, stellte sich erst später heraus – doch der erste Schritt zur wissenschaftlichen Erkenntnis ist der Nachweis, dass es einen solchen Effekt überhaupt gibt. Auch wenn Semmelweis nicht reich und berühmt wurde – er gehörte zu denen, die diese Denkweise in die Medizin einführten, und dafür sollten wir ihm heute noch dankbar sein.



Quellen- und Lizenzangaben

[text], naklar/flai
[1], Wikimedia Commons, Federzeichnung von Jenő Dopy, 1860, gemeinfrei
[2], Wikimedia Commons, Altes AKH in Wien, Kolorierter Stich von 1784, gemeinfrei
[3], www.naklar.at, Daten: I. Semmelweis, zitiert nach: Wikimedia Commons, gemeinfrei
[4], www.naklar.at, Daten: I. Semmelweis, zitiert nach: Wikimedia Commons, gemeinfrei